
Kinder und Jugendliche im Blick behalten
Weihbischof Paul Reder über Schule und Glauben. Die Fragen stellte Anja Legge.
Im Interview mit Anja Legge berichtet der neue Würzburger Weihbischof Paul Reder, warum ihm Kinder und Jugendliche besonders am Herzen liegen, welche Rolle Religionsunterricht und Schulpastoral für ihn spielen und warum es rund um Kommunion und Firmung mehr Kontinuität braucht.

Bischof Dr. Franz Jung hat Ihnen im März „großes pastorales Engagement“ und „die Gabe, Menschen miteinander ins Gespräch zu bringen und zu vermitteln“ bescheinigt. Sie selbst schätzen „die Arbeit mit Menschen in den Gemeinden sehr“. Wie werden Sie dafür sorgen, dass dieser Kontakt zu den Menschen auch in Ihrer neuen Leitungsposition nicht abreißt?
Wichtig ist vor allem, dass aus Kontakt eine Begegnung wird. Die angesprochene Erfahrung der Gemeindepastoral ist auch Lehrkräften aus eigener Erfahrung bekannt. Kontakt mit Schülerinnen und Schülern ist das eine, aber im Verlauf eines Schuljahres kann sich über die Begegnungen im Unterricht oder die Schulpastoral wirklich eine Form von Vertrautheit ausprägen. Das lässt sich nicht verordnen. Es hängt auch nicht allein von mir ab, ob es gelingt. Darum ist für mich die Frage, welches Aufgabenspektrum auf mich zukommt, weil sich die bisherige Form, über Kontakte in Begegnung zu kommen, verändern wird.
Sie selbst haben bei Ihrer Ernennung im Würzburger Kiliansdom explizit die Kinder und Jugendlichen mit Familien begrüßt. Warum liegt Ihnen diese Altersgruppe so sehr am Herzen?
Weil Kinder, Jugendliche und Familien nicht selten als erste aus dem Blick geraten. Ich kann als Extrembeispiel hier nur die Erfahrungen der Corona-Pandemie nennen. Da standen – bei allem berechtigten Infektionsschutz – oftmals gerade die Familien im Schatten, hatten kaum eine wahrnehmbare Lobby und mussten sehen, wie sie klarkamen. Da war die Dominanz der Erwachsenenwelt nicht mehr mit den Welten von Kindern und Jugendlichen in Resonanz. Die Auswirkungen erleben wir bis heute. Das gilt analog auch für den kirchlichen Raum, in dem oftmals die Erwachsenenwelt dominiert. Wo hingegen in der Gemeindepastoral Familien mit Kindern und Jugendlichen kontinuierlich im Blick bleiben, können sich deren Lebenswelten entfalten, was sich auch positiv auf die Lebendigkeit in den Gemeinden auswirkt.
Neben Kommunionvorbereitung und Ministrantenarbeit hat auch der Religionsunterricht zu den Schwerpunkten Ihrer Arbeit gehört. Was bedeutet Schule für Sie und welche Rolle kann der Religionsunterricht in säkularen Zeiten wie diesen noch spielen?
Die Kinder und Jugendlichen würden vermutlich mit dem Begriff „säkulare Zeiten“ bis zu gewissen Jahrgangsstufen gar nichts anfangen können. Darum ist er für mich auch nicht die Überschrift meines Engagements in der Schule, so als müsste ich den säkularen Zeiten etwas entgegensetzen. Ich finde, der Religionsunterricht bietet ein großes Spektrum, sich rational, emotional und kreativ mit Lebensthemen auseinanderzusetzen, die Kinder und Jugendliche betreffen. Anders als Ethik eröffnen Religionsunterricht und Schulpastoral zusätzlich die Dimension des Glaubens mit den sinnstiftenden Elementen von biblischer Weisheit, Zeugnissen christlich geprägter Kunst und Kultur, Ritualen und Elementen im Kirchenjahr sowie von Gebet und Gottesdienst. Damit erreiche ich in der Schule auch junge Menschen, die sich der Kirchengemeinde mitunter erst mal gar nicht zugehörig fühlen. Über die Begegnung und diesen Austausch von Lebenswelten wird die Schule nicht nur für Schülerinnen und Schüler zu einem Lernort.
In den strategischen Zielen des Bistums ist die „kirchliche Präsenz in der Schule“ – etwa durch Schulpastoral, Religionsunterricht und lebendiges Zeugnis – ein zentrales Handlungsfeld. Wie wollen Sie Religionslehrkräfte bei der Umsetzung dieser Aufgabe unterstützen?
Ob und wie hier eine persönliche Unterstützung möglich ist und gelingt, kann ich augenblicklich nicht absehen. Aber auch nach meinem Wechsel nach Würzburg werde ich Themen rund um Schule und Religionsunterricht nicht einfach zu den Akten legen, sondern die Entwicklungen weiter verfolgen.
Als Weihbischof wird die Firmung zu Ihren Hauptaufgaben gehören. Allerdings ist die Anzahl junger Menschen, die sich für dieses Sakrament entscheiden, seit Jahren rückläufig. Wie kann man junge Menschen heute noch ansprechen? Wie kann man Begeisterung für den Glauben wecken?
Ich vergleiche das mal mit dem Bereich der Musik oder des Sports. Wer erst im Firmalter eingeladen wird, ein Instrument zu lernen oder sich einem Sportverein anzuschließen, der braucht schon eine Initialzündung über Menschen oder Erlebnisse, die ihm das Spielen eines Instruments oder eine Sportart glaubwürdig schmackhaft machen. Das gibt es sicher auch heute, aber eben – wie bei der Firmung – nur in wenigen Fällen. Darum ist es so wichtig, dass sich Glaubensleben in Kindheit und Jugend – wie Musikalität oder Sportlichkeit auch – durch entsprechende Angebote kontinuierlich entfalten kann. In der Gemeindepastoral legen wir derzeit immer noch ein sehr starkes Gewicht auf die katechetische Vorbereitung von Kommunion und Firmung mit dem Risiko der folgenden „Brüche“. Angebote der „Nachbereitung“ bzw. des Übergangs, um diese Abbrüche zu überbrücken, sind demgegenüber kaum ausgeprägt. Insgesamt werden zunehmend auch Erfahrungsorte wichtig sein, die Jugendliche zu einer persönlichen Weggemeinschaft mit Jesus einladen und die ihnen vermitteln, wie sich ein christlicher Lebensstil altersgemäß jenseits von etablierten Konventionen gestalten lässt.
Das Interview führte Anja Legge.
Vita Weihbischof Paul Reder:
- 1971 in Würzburg geboren
- 1990 bis 1996 Studium der Katholischen Theologie und der Philosophie mit den Nebenfächern Pädagogik und Psychologie an der Universität Würzburg
- 1996 bis 2010 Mitarbeiter an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Würzburg am Lehrstuhl für Kirchengeschichte des Altertums, Christliche Archäologie und Patrologie, später am Lehrstuhl für Dogmatik
- 2010 Eintritt ins Priesterseminar Würzburg
- 2014 Priesterweihe in Würzburg
- Ab 2014 Kaplan in der Pfarreiengemeinschaft „Oberleichtersbach/Schondra“, in der Pfarreiengemeinschaft „Jesus – Quelle des Lebens, Bad Kissingen“, Pfarrvikar in den Pfarreiengemeinschaften „Franziska Streitel, Mellrichstadt“, „Fladungen- Nordheim“ und „Besengau, Bastheim“ sowie Leiter der Pfarreiengemeinschaft „Heiligkreuz und Sankt Burkard“ in Würzburg
- Seit 2022 Teampfarrer im Pastoralen Raum „Schweinfurter Mainbogen“
- 2024 Ernennung und Weihe zum Weihbischof in Würzburg

